M A U E R S E G L E R I N F O R M A T I O N E N
Viel Spaß beim Lesen der hier veröffentlichten Informationen.
Ein flottes Leben in luftiger Höhe Die Flugkünste der Mauersegler erstmals
im Windkanal studiert: Mehr Auftrieb als bei anderen Vögeln
Mauersegler verbringen ihr Leben im Flug. Selbst bei der Paarung und beim
Schlafen bleiben sie in der Luft. Nur als Nestlinge und beim
Brutgeschäft haben sie Boden unter den Füßen. Dass sich Mauersegler ganz
anders durch den Luftraum bewegen als Schwalben, Tauben und
Spatzen, ist offensichtlich. Die eigenartige Flugtechnik genauer zu
ergründen hat sich aber als schwierig erwiesen. Erst kürzlich ist es
gelungen, sie im Windkanal zu studieren. Gemeinsam mit Geoff Spedding vom
Department of Aerospace der University of Southern California in
Los Angeles analysierten Per Henningsson und Anders Hedenström von der
Universität Lund erstmals den Flügelschlag der Mauersegler. Dabei
stellte sich heraus, dass diese Vögel mehr Auftrieb und weniger
Luftwiderstand erzeugen als alle anderen, deren Flugkünste im Windkanal
getestet wurden.
Bislang war es den Forschern versagt geblieben, die Aerodynamik von
Mauerseglern an lebenden Tieren zu analysieren, denn die rasanten
Vielflieger hatten sich als unzähmbar erwiesen. Weder lassen sie sich für
solche Untersuchungen in Käfige sperren noch anderweitig in ihrer
Bewegungsfreiheit einschränken. Die schwedischen Forscher versuchten
deshalb gar nicht, ausgewachsene Mauersegler in einen Windkanal zu
stecken. Statt dessen holten sie sich zwei Jungvögel aus dem Nest.
Ehe ein Mauersegler flügge wird, trainiert er fleißig seine Flugmuskeln: Er
schlägt nicht nur immer wieder heftig mit den Flügeln, sondern
drückt sie auch zuweilen derart kräftig gegen den Boden, dass Beine und
Körper aus der Nestmulde gestemmt werden. Im Alter von etwa sechs
Wochen, wenn solch ein Handstand mehr als zehn Sekunden dauert, sind die
Nestlinge bereit für ein Leben im Luftraum. Tiere dieses Alters
wurden für die jüngsten Untersuchungen verwendet. Von den Forschern in
Obhut genommen, absolvierten sie am Tag darauf ihren Jungfernflug im
Windkanal. Dort lernten sie bemerkenswert schnell, sich richtig zu
positionieren und mit der gewünschten Ausdauer auf der Stelle zu
fliegen. Nach zwölf Tagen aus den Diensten der Wissenschaft entlassen,
fanden sie sich dann auch unter freiem Himmel mühelos zurecht.
Am liebsten flogen die jungen Mauersegler mit einer Geschwindigkeit zwischen
27 und 33 Kilometern pro Stunde. Das entspricht etwa dem Tempo,
das Mauersegler während ihres nächtlichen Flugs in luftiger Höhe
bevorzugen. Wenn der Windkanal andere Geschwindigkeiten vorgab, gingen die
Probanden zu Boden oder streckten zumindest die Beine aus, die beim Fliegen
sonst im Gefieder versteckt bleiben. Erstaunlicherweise
arbeiten die Flugmuskeln keineswegs schneller, wenn die Vögel ihre
Geschwindigkeit erhöhen. Dass sich die Flügel dann stärker heben und
senken, wird durch eine geringere Zahl von Flügelschlägen exakt
ausgeglichen ("Journal of Experimental Biology", Bd. 211, S. 717).
Beobachtungen an freilebenden Mauerseglern zeigen, dass die Vögel in Phasen
des Gleitflugs mitunter eine Geschwindigkeit von mehr als
siebzig Kilometern pro Stunde erreichen. Wie andere Spezialisten für
rasanten Sturzflug klappen sie dabei ihre Flügel in Form eines "V"
nach hinten.
Wenn die Mauersegler mit Muskelkraft fliegen, nutzen sie ihre schmalen,
sichelförmig gebogenen Schwingen anders, als das bei Vögeln üblich
ist. Welche aerodynamischen Kräfte dann auftreten, verrät der Luftstrom,
den der Vogel sozusagen als Kielwasser hinter sich lässt. Mit
künstlichem Nebel, in dem ein Laserstrahl einzelne Partikel aufleuchten
ließ, wurden die Luftwirbel sichtbar gemacht.
Als die Mauersegler ihre Flügel abwärts bewegten, wurde ihr Körper
erwartungsgemäß nach vorne und oben beschleunigt. Überraschend für die
Forscher war aber der weitere Ablauf: Während die Flügel wieder nach oben
gezogen wurden, war die aufwärts gerichtete Kraftkomponente immer
noch erstaunlich groß. Der Auftrieb verminderte sich nur um etwa vierzig
Prozent. Andere Vögel können der Schwerkraft in dieser
Bewegungsphase kaum etwas entgegensetzen. Beim Aufschlag ziehen sie ihre
Flügel nämlich nach hinten und winkeln sie deutlich an, um den
Luftwiderstand zu minimieren. Mauersegler strecken ihre Schwingen hingegen
fast ebenso weit aus wie während des Abschlags. Anscheinend
erlaubt ihnen ihr windschnittiger Körperbau, auf eine Reduzierung des
Luftwiderstands zu verzichten. Dass sie sich beim Aufschlag keine
Pause gönnen, sondern auch hierbei viel Kraft aufwenden, erklärt womöglich,
warum sie so atemberaubend schnell und wendig sind. Diemut
Klärner
Text: F.A.Z., 02.07.2008, Nr. 152 / Seite N1
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Seitenüberschrift: WISSENSCHAFT
Ressort: Sonntagszeitung Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.08.2010, Nr. 33, S. 57
Ganz in seinem Element
Mauersegler sind des Sommers beste Botschafter in Europa. Die Zugvögel verweilen hier aber nur extrem kurz. Den Rest des Jahres verbringen
sie über Afrika, in der Luft.
VON SONJA KASTILAN
KRONBERG. Es ist die Stille, die plötzlich auffällt. Sommer klingt schrill - solange die Mauersegler ihre Manöver fliegen. Bei Erregung
jedweder Art vernehme man das schneidende, gellende "Kri" bis zum Überdruss, klagte der Zoologe Alfred Edmund Brehm in seinem Tierleben,
zweite Abteilung - Vögel. Der Mauersegler sei ein Schreivogel, kein Sänger und manchmal kaum zum Aushalten, wenn er in zahlreicher
Gesellschaft durch die Straßen jagt.
Über den Dächern, zwischen den Häusern herrscht jetzt Leere. Ein paar Tauben, Elstern, Spatzen oder Flugzeuge etwas höher am Himmel können
die gewandten Luftakrobaten nicht ersetzen. Sie sind weg. Die meisten jedenfalls. Nur in der Kronberger Nistbox Nr. 37 wartet noch einer
von ihnen: das Sorgenkind von Erich Kaiser. Es ist eine Nachbrut, dementsprechend spät dran, und das Regenwetter zuletzt ließ wenig
Hoffnung, dass dessen Eltern überhaupt noch in Deutschland ausharren und nicht längst über alle Berge gezogen sind. Denn an ihren Flugplan
halten sie sich normalerweise strikt: "Er trifft in merkwürdiger Regelmäßigkeit bei uns ein", berichtet Brehm, "gewöhnlich am ersten oder
zweiten Mai und verweilt bis zum ersten August." Leichte Verschiebungen sind möglich, abhängig von Region, Wetter und seit einiger Zeit
auch vom Klimawandel.
Kronberg im Taunus ist zwar für ein recht mildes Klima bekannt, doch auch hier bleibt der Mauersegler (Apus apus) nur etwa drei Monate im
Jahr. Am vergangenen Mittwoch, einem trüben Morgen, kniet Erich Kaiser auf seiner nassen Terrasse, öffnet vorsichtig die Rückwand eines
Holzkastens und strahlt dann übers ganze Gesicht: Ein Altvogel sitzt im Nest und kümmert sich offenbar doch noch um den Sprössling. Es wird
wohl Anfang September, bis der flügge ist. Vogeleltern mit Erfahrung warten das nach Möglichkeit ab, Erstbrüter hingegen lassen ihren
Nachwuchs eher im Stich und fliegen mit der Masse rechtzeitig in wärmere Gefilde.
Mauersegler sind ausgeprägte Zugvögel und folgen ihrer endogenen Jahresperiodik, einem angeborenen Programm. Als Stichtag für die 50 000
bis 75 000 Brutpaare in der Schweiz gilt zum Beispiel der 27. Juli. Und auch in diesem Jahr ließ sich dort Ende Juli ein abrupter Wegzug en
gros beobachten. Dabei hatte das miese Maiwetter ihr Brutgeschäft um zwei bis drei Wochen verzögert. Die Jungen wurden mit Verspätung groß;
in mehreren Kolonien haben ehrenamtliche Betreuer zurückgelassene gefunden. "Ob es mehr sind als in normalen Jahren, können wir aber nicht
sagen", erklärt Pierre Mollet von der Schweizerischen Vogelwarte in Sempach.
Apus apus ist nicht direkt vom Aussterben bedroht. Doch die Rote Liste der Schweiz führt seinen Status neuerdings als "verletzlich", weil
viele seiner Nistplätze mit der Sanierung von Gebäuden verlorengehen. Das gleiche Problem besteht in Deutschland und den meisten anderen
Brutgebieten in Europa oder Russland. Im Gegensatz zur Schwalbe - von der er sich nicht nur im einfarbig rauchbraunschwarzen Gefieder
unterscheidet (lediglich an Kinn und Kehle findet sich ein weißer Fleck), sondern laut Brehm "gänzlich in Gebaren, Wesen und Treiben" -
kann der Mauersegler kein tragfähiges Nest bauen. Er ist auf Baumhöhlen und Mauerspalten angewiesen, die es an älteren Gemäuern zuhauf
gibt.
Das Haus der Familie Kaiser in Kronberg ist weder Burg noch Kirchturm, wirkt sehr gepflegt und ist rundum verputzt. Dennoch beherbergt es im
Sommer 47 Segler-Paare. Zuerst fallen die Löcher vorne unterm Dach auf, dann die ringsum angebrachten Kästen. Was man für eine seltsame
Belüftungsstrategie halten könnte, entpuppt sich beim näheren Hinsehen als Vogelkolonie, die der Imkermeister Erich Kaiser hier seit 1966
nach und nach etablieren konnte. Schon als Kind hätten ihn Mauersegler fasziniert, erzählt Kaiser, der die Zugvögel wann und wo immer
möglich beobachtet. Auch in der Fachliteratur kennt er sich bestens aus. Das Buch Swifts in a Tower des renommierten Vogelkundlers David
Lack aus dem Jahr 1956 begeistert Kaiser noch immer; dieser Klassiker hatte ihn zu Lack und dessen Kolonie im Museumsturm von Oxford
geführt, die bis heute besteht.
Der Besuch, der 1958 stattfand, weckte jedenfalls den dringenden Wunsch, einmal etwas Ähnliches aufzubauen. Und das ist in Kronberg so gut
gelungen, dass Kaiser immer wieder Wissenschaftler zu Gast hat. Aus Schweden oder Australien reisen sie in den Taunus, und wer unter den
Dachgiebel kriecht, erhält Einblick in ein Geschehen, das sich sonst in unzugänglichen, dunklen Nisthöhlen abspielt. Im gedämpften Licht
winziger Lämpchen geben gleich 17 Nistboxen ihre Geheimnisse preis, denn die Rückwände sind aus Glas. Zur Brutsaison sind alle besetzt.
Einige Nester sind mit Antennen ausgestattet, die das Ein- und Ausfliegen von Mauerseglern überwachen, welche einen winzigen Transponder am
Beinring tragen. In manchen ist gar eine Präzisionswaage integriert, die das Gewicht eines Vogels oder des Geleges bestimmt. "Bei meinen
Rückkehrern um den 20. April herum kann ich schnell erkennen, wie gut das Wetter über Spanien war und ob sie sich viel Luftplankton
schnappen konnten", scherzt Kaiser, wohl wissend, wie wichtig der Beutefang für die kleinen Zugvögel ist. Mehrere tausend Insekten täglich
muss ein Paar später allein an die Jungen verfüttern.
Gerade mal 40 Gramm wiegt ein Mauersegler im Durchschnitt, bei einer Flügelspannweite von 40 Zentimetern ein echtes Leichtgewicht. Mit
seiner eleganten Körperform ist er perfekt angepasst an ein Leben im Flug. "Sein Reich ist die Luft, in ihr verbringt er sozusagen sein
ganzes Leben", stellte schon Brehm fest und pries sowohl Kraft und Gewandtheit als auch die geradezu unermüdliche Ausdauer. Der Zoologe
konnte nicht wissen, wie recht er hat.
Tatsächlich erdet nur die Brutsaison den Mauersegler für eine gewisse Zeit. Zum Teil jedenfalls, Nichtbrüter verbringen ihre Nächte meist
"on the wing" wie Radarmessungen belegten; außerdem ist heute bekannt, dass die Mauersegler vor Tiefdruckzonen und Regenfronten flüchten
und sich dabei Hunderte Kilometer von ihrer Kolonie entfernen. "Zyklonale Wetterflüge" nennt das der deutsche Ornithologe Peter Berthold,
der vermutet, dass Apus apus dadurch auch Skandinavien als Brutgebiet erobern konnte. Aber wohin kehren die in Europa geborenen Afrikaner
zurück? Bleiben sie wirklich monatelang in der Luft? Des nachts, und auch im Schlaf?
Diesen Fragen gehen Forscher jetzt mit verfeinerter Technik nach. Anders Hedenström und Susanne Åkesson von der Universität in Lund rüsteten
Mauersegler in verschiedenen Brutgebieten mit sogenannten Geolokatoren aus; die Kronberger Kolonie ist Teil ihres Projekts. "Im nächsten
Jahr können wir die Daten auswerten und erfahren mehr über die jeweiligen Routen und Aufenthaltsorte", hofft Åkesson.
Normalerweise ziehen Mauersegler mit einer Geschwindigkeit von rund 40 Stundenkilometern, in Höhen zwischen 900 und 3000 Metern,
vielleicht auch darüber. Aber sie können schnellere Manöver fliegen: Hedenström maß mit Spezialkameras Tempo 112 bei einem Vogel (aus
eigener Muskelkraft). Und Experimente im Windkanal könnten klären, ob Mauersegler wirklich im Flug schlafen. "Das nimmt man aufgrund der
Beobachtungen an. Möglich wäre es, aber wir wissen es nicht", sagt Niels Rattenborg vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen.
Er will deshalb die Hirnströme der Zugvögel messen. Sie jagen Insekten im Flug, sammeln so ihr Nistmaterial und paaren sich sogar fliegend.
Warum sollten sie in der Luft nicht schlafen? Die Seglersaison 2011 könnte die Antwort liefern.
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